Schön ins Leinebergland eingebetteter Ort mit einem wirklich erlebenswerten Steinbruchareal —

Der Ort Marienhagen

Marienhagen liegt in einem der schönsten Teile des Leineberglandes, der sich zwischen dem Ith im Westen und den Sieben Bergen im Osten erstreckt. Der Ort selbst liegt reizvoll in einem Durchbruch zwischen dem Thüster Berg und dem Duinger Berg. Der gesamte, größtenteils wanderbare Höhenzug, zieht sich weiter bis zum Selter nach Kreiensen. Das ehemalige Oberdorf hat noch stellenweise den Charakter eines Bergdorfes, allerdings ist das Verkehrsaufkommen auf der B240 teilweise mörderisch. Es ist wohl allerdings mittlerweile eine Ortsumgehung geplant, südöstlich des Ortes, durch einen der Steinbrüche.

Man sieht es dem Ort nicht unbedingt an, das er zu den ersterwähnten der Umgebung gehört. Begünstigt wurde eine frühe Besiedlung durch den hier verlaufenden Paderborner Heerweg, der Anfang des 9. Jahrhunderts von Ludwig dem Frommen als Verbindungsweg der Bistümer Hildesheim und Paderborn angelegt wurde, und heute als B240 weiterexistiert. Was damals ein Segen für die Menschen war und vielleicht ein Grund für eine Ansiedlung, ist heute für viele ein Fluch.

Die Gründung des Dorfes liegt im Dunkeln, um das Jahr 1000 ist die „Heilige St. Marienkapelle“ bezeugt, gegen Mitte des 12. Jahrhunderts siedelten dann hier flämische Auswanderer. Durch Landverluste an der Nordsee und Überbevölkerung waren sie gezwungen, sich andernorts eine neue Heimat zu suchen und wurden von etlichen „deutschen“ Fürsten gerne angesiedelt. Das Dorf war ein Hägerdorf, also von einem Hagen (Hecke zum Schutz) umgeben. Daraus und aus der Marienkapelle ergab sich schließlich im Laufe der Zeit der heutige Ortsname.

Hauptwand Bruch 3

Hauptwand Bruch 3

Die Jahrhunderte vergingen und Marienhagen erlebte wie viele andere Orte gute und schlechte Zeiten. Die Menschen lebten hier aber aufgrund geringer Erträge aus der Landwirtschaft in relativ ärmlichen Verhältnissen, in der Mitte des 18. Jahrhunderts bestand der Ort gerade mal aus 35 Häusern. Dies änderte sich zwar nicht schlagartig, aber immerhin in kurzer Zeit, als 1873 der 23-jährige Maurermeister Friedrich Rogge eine Firma gründete, die sich um den Abbau und die Verarbeitung von Kalkstein kümmerte.

Das Kalkwerk des Friedrich Rogge

Den Anfang machte Friedrich Rogge mit 3 Mitarbeitern und dem Bau von zwei Öfen zur Herstellung von Branntkalk oder Calciumoxid, der vielfältige Verwendungsmöglichkeiten hatte und noch hat, z.B. als Bestandteil von Mörtel. Die Gründerzeit mit ihrem wirtschaftlichen Aufschwung löste auch einen Bauboom aus, für den Unmengen an Calciumoxid benötigt wurden. Bereits 1883 gab es 5 Brennöfen und 30-40 Mitarbeiter im Kalkwerk. Bis zum Ende des Jahrhunderts entstanden noch mehr Öfen, darunter auch die weiterentwickelten Ring- und Schachtöfen, mehrere Werkswohnhäuser, das Betriebsgelände wurde erweitert. Es entstanden insgesamt 4 Kalkbrüche, die mit Drahtseilbahnen und einer Werkseisenbahn verbunden waren.

Anfangs wurde der gebrannte Kalk mit Pferdefuhrwerken zum Bahnhof Banteln zur Verladung gebracht, die leeren Wagen fuhren dann nach Osterwald, um von dort Kohle zur Befeuerung der Öfen zu holen. Nach Eröffnung der Eisenbahn Elze-Löhne fielen die Fahrten nach Osterwald weg. Bereits seit 1888 lieferte Rogge seinen Kalk auch an das Peiner Walzwerk, das diesen zur Herstellung des Stahls benötigte. 1889 traten die Peiner als Kommanditist für 25 Jahre in das „Kalkwerk Friedrich Rogge & Co.“ ein, eine Schmalspurbahn verband ab 1889 das Werk mit dem Bahnhof in Banteln.

Ortsausgang Marienhagen und Bruch 1

Ortsausgang Marienhagen und Bruch 1

Das Kalkwerk wuchs ständig, nach dem Tod Friedrich Rogge´s im Jahre 1900 eröffnete die Gesellschaft 1911 ein weiteres Kalkwerk in Banteln, nach Ablauf des 1914 auslaufenden Kommanditvertrages betrieben das Peiner Walzwerk und die Ilseder Hütte das Kalkwerk als eigenständiges Unternehmen weiter. Bis zur Zeit des 1. Weltkrieges entwickelte sich das Werk zu einem der größten Deutschlands weiter, nach einer Krise während der Weimarer Republik erlebte es während der NS-Zeit und im 2. Weltkrieg eine weitere Blütezeit.

Nach dem Ende des Krieges und der kurzzeitigen Stillegung erfolgte ein Neuanfang als Teil der „Hüttenwerke Peine-Ilsede“ und ein weiterer Ausbau der Gelände, Anlagen und Werkswohnungen. Mitte der 50er Jahre waren über 250 Mitarbeiter beschäftigt. So schnell der Aufstieg des Kalkwerkes stattgefunden hatte, so schnell erfolgte das Ende im Jahre 1961/62. Die Hüttenwerke Ilsede stellten das Verfahren der Stahlerzeugung um, der Marienhagener Kalk war aufgrund seines hohen Magnesiumoxydgehaltes nicht mehr geeignet für dieses Verfahren und nur die Produktion für Bau und Landwirtschaft wäre nicht mehr rentabel gewesen.

Aufgrund der Vollbeschäftigung damals fanden die Beschäftigten schnell eine neue Beschäftigung, die meisten Anlagen des Werkes wurden im Laufe weniger Jahre abgebaut oder abgerissen. Auf dem ehemaligen Gelände in Marienhagen wurde 1966 ein Freibad errichtet. Wenn man also als Ortsunkundiger heute den Ort durchquert, weisen nur noch wenige Spuren deutlich auf diesen wichtigen Teil der Geschichte des Dorfes hin. Steigt man allerdings aus und läßt sich von seiner Neugier antreiben, findet man etliche Zeugen der Vergangenheit.

 

Hauptwand Bruch 3

Hauptwand Bruch 3

Lohnenswert ist auch auf jeden Fall ein Ausflug zur Kummerbrink-Hütte, die sich oberhalb des Ortes befindet und eine schöne Aussicht in die weite Umgebung bietet. Unterhalb befindet sich der Kummerbrink, hier wurde wohl, soweit ich weiß, das untaugliche Gestein aus dem Kalkwerk entsorgt. Vom Ende der Bergstraße führt der Froböse-Weg auf einem kleinen, schönen Rundweg zur Hütte und zurück. Es gibt auf dem Weg einige Bänke und parkähnliche Stilelemente, leider nicht im besten Zustand. Ohne das Engagement von Herrn Froböse wäre dieses hübsche Fleckchen allerdings wohl schon gänzlich verschwunden.

Die Marienhagener Steinbrüche

Als erstes möchte ich an den gesunden Menschenverstand appellieren. Die Steinbrüche sind kein Spielplatz, sondern teils gefährliche Industrieanlagen! Erst 2013 ist ein niederländischer Kletterer abgestürzt und hat sich schwer verletzt. Zum weiteren befinden sich teils seltene Pflanzenarten in den Steinbrüchen, bitte dementsprechend verhalten und darauf achten, auf was man tritt.

Bruch 1 und 2

Die Brüche befinden sich südöstlich der B240 und sind die beiden ersten Steinbrüche, die angelegt wurden, um den wertvollen Kalkstein abzubauen. Parken kann man ganz gut am Ortsausgang in Richtung Weenzen, auf der rechten Seite kommt ein breiter Weg in den Wald, der einige Parkmöglichkeiten bietet und einen guten Zugang zur Nordflanke der Brüche bietet. Ansonsten nimmt man für die Südflanke der Brüche den direkten Zufahrtsweg zum Kalkwerk.

Zur Nordflanke geht man auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein paar Meter geradeaus und dann nach links auf dem kleinen Pfad ins Dorf. Überall sind hier schon Halden und Reste der alten Gebäude und Anlagen zu sehen. Kurz vor den ersten Häusern thronen Mauerreste auf einem Vorsprung, die fast wie die einer alten Burg wirken. Man gelangt zu einer schmalen Straße, die der Zugang zum Bruch 1 und 2 war und deren Verlauf den der alten Werksbahn markiert, die hier früher die Hauptstraße des Ortes überquerte. Geht man ein paar Meter hinein in den Weg, steht man vor verschlossenen Toren, die den Eintritt in den Bruch 1 wegen Lebensgefahr verbieten. Sinnigerweise gibt es beiderseits des Tores keinen erkennbaren Zaun mehr!

Felsformationen am Bruch 1

Felsformationen am Bruch 1

Da wir hier keinesfalls die Natur in diesem zugewachsenen Teil der Steinbrüche stören wollten, entschieden wir uns allerdings, ein paar Meter weiter der Hauptstraße in den Ort zu folgen und dann rechts hinauf zu gehen. Hier führt ein Weg parallel zur Flanke und viele kleine Pfade durchziehen den Wald und führen steil hinauf zur Kante des Bruchs 1 und 2. Hier haben wir unsere Erkundungen vorerst eingestellt, waren allerdings beeindruckt von den ersten Eindrücken, die sich uns hier boten. Eine weitere Erkundung wird auf jeden Fall erfolgen, vielleicht kann man hier sogar einmal eine Wanderroute ausarbeiten.

Bruch 3 und 4

Parken kann man auch hier am Ortsausgang in Richtung Weenzen, von hier aus führen mehrere Wege in die Brüche 3 und 4. Wir nahmen den kleinen Weg, der uns oberhalb von Marienhagen am Waldrand entlangführte und von dem mehrere Wege zu den Brüchen und in die umliegenden Wälder abgehen. Auf kleinen, schnuffligen Pfaden geht es zuerst in den Bruch 3, der mit seiner immer noch imposanten Hauptwand zu beeindrucken weiß. Eine herrliche Landschaft hat sich hier mittlerweile entwickelt, der langsam zuwachsende Boden des Steinbruchs ist parkähnlich mit verschiedensten Gehölzen und Bäumen bewachsen.

Ein kleiner Weg führt links um den Bruch herum, ein anderer rechts. Der wahrlich Neugierige probiert alle aus, der linke führt uns über einen steilen Damm zur Hauptwand des Bruchs 3, verläuft sich hier allerdings. Auf dem Damm befindet man sich oberhalb der zwei gewaltigen Tunnelöffnungen, durch die die Kalkbahn in die Brüche einfuhr. Dieser Tunnel läßt sich von unten aus dem Ort zwischen den Häusern der Berg/Hauptstraße noch erkennen, allerdings durch seine Lage auf Privatgrundstücken nicht mehr erreichen.

Der rechte Weg führt über die Rampe der alten Werksbahn zu den verschiedenen Werksgebäuden, die teils Ruinen sind, teils anscheinend noch anderweitig genutzt werden. Auf halber Höhe der Wand befindet sich eine Sohle, auf der einige zerstörte Gebäude stehen, weiter hinten in Richtung der abschüssigen Wand entdeckten wir dann das für uns Sensationelle, ausgeblühte Orchideen und Enziane. Bei dem Enzian handelt es sich um den „Deutschen Fransenenzian“, der hier mit zahlreichen Pflanzen vertreten ist. Bitte Vorsicht! Die Orchideen erfordern (mindestens) einen weiteren Besuch im Frühjahr/Sommer, von ihnen soll es immerhin 7 Arten in den Brüchen geben.

Nordwand des Bruch 3

Nordwand des Bruch 3

Geht man auf der alten Bahnrampe weiter aufwärts, kommt man zu weiteren Gebäuderesten, auf einem Backsteinrest ist eine Platte mit der Jahreszahl 1913 eingelassen (Happy Birthday). Ein gut erhaltenes Gebäude, das wohl einem Verein o.ä. dient, markiert den Eingang zum Bruch 4, der auf den ersten Blick nicht ganz so spektakulär wie Bruch 3 wirkt. Viele kleine Pfade durchziehen das Gelände, bestimmt gibt es hier auch Mufflons, leider bekamen wir „Trampeltiere“ keines zu Gesicht.

An diesem Bruch beeindrucken mehr die vielen Birken und Kiefern, die hier auf kargem, felsigen Untergrund wachsen, der von Moosen und Flechten besiedelt wird. Fast erwartet man, einen Elch vorbeikommen zu sehen. Verschieden benannte Felshänge um uns herum, wie die Plattenwand oder die Weiße Wand, ragen steil auf und geben dem Gebiet den Charakter eines Kraters. Eine faszinierende Landschaft!

Auch hier stehen rings um den Steinbruch einige alte Gebäude, die aber anscheinend alle noch zu verschiedenen Zwecken genutzt werden. Es gibt noch jede Menge zu erkunden, auch das Einbinden der Wege hier in eine Wanderung im Thüster Berg will eventuell geplant sein. Mal schauen, auf jeden Fall für alle behutsamen Neugierigen ein sehr interessantes Gebiet.

L I T E R A T U R
  • Horst Kretzschmar – Die Orchideen Deutschlands und angrenzender Länder – ISBN 978-3494014197
  • Haeupler/Mühr – Bildatlas der Farn- und Blütenpflanzen Deutschlands – Alle 4200 Pflanzen in Text und Bild – ISBN 978-3800149902
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