Eiszeitliche Landschaft, die zu den fruchtbarsten Regionen Deutschlands zählt und trotz der intensiven Landwirtschaft etliche Sehenswürdigkeiten bietet —

Viele denken bei Hildesheimer Börde an den gleichnamigen Rasthof an der A7, der witzigerweise weder direkt in der Börde liegt, noch kann man sie (zumindest heutzutage) von hier sehen. Die Börde erstreckt sich über einen großen Landstrich und kann nicht exakt von umliegenden Landschaften und angrenzenden Börden abgegrenzt werden. Ich beschäftige mich hier aber nur mit dem Teil der Börde, der sich im Landkreis Hildesheim nordöstlich der Stadt Hildesheim befindet. Diese Gegend ist natürlich nicht gerade für den Massentourismus geeignet, bietet aber teilweise sehr schöne Radwege und erstaunlich interessante Ortschaften, auf die ich später vielleicht auch noch in Beiträgen eingehe. Leider kann ich nur wenige Fotos anbieten, bei Gelegenheit stelle ich noch weitere ein.

Die Hildesheimer Börde ist eine durch die Gletscher der Eiszeit entstandene Schwarzerde-Lößebene mit einigen der ertragreichsten Ackerflächen Deutschlands. Sie erstreckt sich zwischen den Städten Hildesheim, Hannover, Peine, Braunschweig und Salzgitter. Die höchste je gemessene „Bodenwertzahl“ wurde bei Mölme in der Nähe von Hoheneggelsen mit 102,8 gemessen. Unter der ca. 2m dicken Lößschicht liegen vielerorts Salzstöcke, Sand- und Schotterablagerungen, die an zahlreichen Stellen abgebaut wurden und werden.

Das die „Bördianer“ beileibe keine Duckmäuser sind und engagiert ihren sowieso schon arg kultivierten Lebensraum zu schützen wissen, ist spätestens seit 1992 bekannt. Da gründete sich der Bürgerverein „Schützt die Hildesheimer Börde, um gegen eine geplante Müllgroßdeponie zu demonstrieren. Mit Erfolg, wie man heute weiß, der mittlerweile 6.000 Mitglieder zählende Verein konnte 2012 sein 20-jähriges Bestehen feiern. Früher sah man an allen Straßenecken die Plakate, heute nur noch vereinzelt und auch die heutigen Aktivitäten bleiben der Öffentlichkeit weitestgehend verborgen, da der Verein leider keine eigene Website betreibt.

Auch hat sich im Laufe der Zeit eine Art „Bördejargon“ entwickelt, der sich zum großen Teil von der hauptsächlich angebauten Zuckerrübe ableitet. Die Zuckerrübenernte wird als „Kampagne“ bezeichnet, die Börde als „Rübenwüste“, die Rübe als „Bördepalme, größere Bauernhöfe als „Rübenburg“ und nicht zuletzt werden die Bewohner mancherorts als „Bördianer“ bezeichnet. Das ist allerdings liebevoll scherzhaft gemeint, denn was wäre die Welt ohne Zucker und Rübensaft für ein öder, geschmackloser Ort! Die nachfolgenden Ortsbeschreibungen sind beileibe nicht alles, was es zu entdecken gibt, sondern beruhen hauptsächlich auf eigenen Erlebnissen und sollen nur eine Anregung für eigene Erkundungen sein.

Rastplatz mit -Börde-Gedenkstein- bei Wendhausen

Rastplatz mit -Börde-Gedenkstein- bei Wendhausen

Beginnen wir unsere Rundreise doch gleich hier in Wendhausen, das 1206 erstmals urkundliche Erwähnung fand. Sehenswert im Ort der ehemalige Klosterhof des Klosters Marienrode, der im 13. Jahrhundert erbaut wurde und im 16. Jh. in das Rittergut Wendhausen umgewandelt wurde. In der Alten Straße befindet sich der regional bekannte Obsthof Sundermeyer mit seinem sehr gut sortierten, empfehlenswerten Hofladen. Westlich von Wendhausen, an einem kleinen Waldstück in der Feldmark ein Velo-Rastplatz mit dem Gedenkstein der Bürgerinitiative zur Rettung der Börde.

Ein Ort weiter liegt Ottbergen, das 1154 erstmals erwähnt wird und wie die meisten der Bördedörfer landwirtschaftlich und katholisch geprägt ist. Weithin bekannt ist Ottbergen als Wallfahrtsort. Ende des 17. Jhs. soll ein Schäfer eine Kreuzvision gehabt haben, die nach und nach immer mehr Gläubige anlockte. 1726 wurde die Wallfahrtskapelle erbaut, im Laufe der Zeit kamen Anbauten dazu, ein Kreuzweg mit 14 Stationen, eine Lourdes-Grotte und mehr. Sehr schön ist es hier oben, man genießt eine weite Aussicht, alte Bäume umrahmen die sehenswerte Kapelle und der umliegende Wald bietet sich für einen Spaziergang an. Im Ort befindet sich noch ein 1853 gegründetes Kloster, das heute Franziskaner-Minoriten beherbergt. Weitere Infos zur Kapelle und zum Kloster auf der Website der „St. Nikolaus Pfarrgemeinde“.

Das 1204 erstmals erwähnte Bettmar war östlichster Stützpunkt der Hildesheimer Landwehr und sicherte die Heerstraße nach Braunschweig. Der hier 1431 errichtete Wachturm und seine später hinzugefügten Nebengebäude wurden mehrfach zerstört, der Wachturm irgendwann endgültig. Die Restanlage wurde schließlich 1819 verkauft. Das Gebäude mit schönem Wappen an der Hauptstrasse kann man noch bewundern, auch der Kernort verfügt über einige schöne Gebäude.

Dinklar wurde bereits 924 als Königshof erwähnt und hauptsächlich bekannt durch die „Schlacht von Dinklar“ im Jahr 1367, als eine Koalition unter Führung des Hildesheimer Bischofs Gerhard von Berg eine weit überlegene Welfenallianz besiegte. Der Bischof ließ Messen abhalten und führte angeblich das Gründungsreliquiar bei sich, so das der Sieg als von Gott gewollt dargestellt wurde. In Wahrheit verfügte der Bischof wohl über erfahrenere Männer, eine sorgfältige Vorbereitung und siegte letztendlich durch einen nächtlichen Überraschungsangriff.

Im 1022 erwähnten Nettlingen ist die historische Wassermühle zu erkunden, die wiederum 1581 das erste Mal erwähnt wird. Der „Nettlinger Mühlenverein“ kümmert sich um die Erhaltung des Gebäudes und der innewohnenden Technik, die zu bestimmten Zeiten auch innen besichtigt werden kann. Weiterhin befindet sich im Ort das 1570 von Kurt von Saldern erbaute Schloss Nettlingen, in dem der „Tennisbaron Gottfried von Cramm“ aufwuchs.

Wassermühle Nettlingen

Wassermühle Nettlingen

Ist Söhlde jetzt das Dorf der Mühlen oder das Dorf der Kreide? Beides! 1820 errichtete der zugezogene Glaser Behrens, der entdeckt hatte, das die gemahlenen Kreidesteine vom Söhlder Berg sich hervorragend als Glaskitt eigneten, die erste Kreidewindmühle. Zur Hochzeit der Windmühlen gab es 14 davon und Söhlde war das mühlenreichste Dorf Europas, nach der Umstellung auf Elektrizität verloren die Windmühlen allerdings ihre Existenzberechtigung. Der Kreideabbau findet weiterhin statt und zählt zu den weltweit größten Kreidetagebauen. Mit der Holländer Windmühle von 1880 und der Kreidemühle C. Behrens von 1862, die zugleich letzte Kreidemühle mit erhaltener Inneneinrichtung in Deutschland, sind zwei Mühlen erhalten geblieben. Jährlich zum Deutschen Mühlentag öffnet der „Verein zur Erhaltung historischer Mühlen in Söhlde“ beide zur Besichtigung. Der 2013 gestorbene Heinrich Dammann, Gründer der „Vereinigten Kreidewerke“, hat eine Stiftung ins Leben gerufen, die sich um verschiedene Projekte (nicht nur) in Söhlde kümmert, z.B. um die „Jugendscheune Heinrich Dammann“.

Zu Steinbrück siehe den Beitrag „Burg Steinbrück“, in Mölme bei Hoheneggelsen standen von den 1930er bis zur Erschöpfung der Quellen in den 1950er Jahren bis zu 50 Ölbohrtürme. Gleichzeitig befindet sich am Ort das Feld mit dem höchsten Bodenrichtwert von 102,8.

Fährt man auf der B1 über den Messeberg nach Hoheneggelsen, könnte man auf die Idee kommen, das der Name auf die Lage des Ortes zurückzuführen wäre, denn „Egge“ bezeichnet einen langgezogenen Bergrücken und die Fahrt führt über einen solchen mit Ausblick in die Umgebung. Gleich am Ortseingang erwartet uns ein seltsam interessantes Ensemble. Rechts neben der Straße erhebt sich ein flügelloser Mühlenturm, kurz dahinter erreicht man die St. Martinskirche, die erhöht auf einem parkähnlich gestalteten Hügel stehend, und ummauert sofort als Wehrkirche erkennbar ist. Fährt man hinter der Kirche rechts und ans Ende der Ostlandstraße, bietet ein imposanter, schlossähnlicher Gebäudekomplex einen erstaunlichen Anblick. Angeblich ist dies die „Villa“ des ehemaligen Ziegeleibesitzers, die mittlerweile aber längst den Besitzer gewechselt hat. Im Unterdorf befindet sich in der Strasse „An der Matthiaskirche“ die…………genau, Matthiaskirche. Die im 13. Jh. erbaute kleine Kirche gilt als eine der ältesten und schönsten Bauernkirchen Norddeutschlands, lasst euch nicht von der schlichten Außenfassade täuschen.

Schellerten taucht 1244 erstmals in Urkunden auf, wenn man einigen Historikern glaubt, könnte der Ort auf einem Römerlager aufbauen, das „Castra Scelerata“ hiess und in dem im Jahre 9 v. Chr. der Feldherr Drusus starb. Zuerst las ich darüber in dem Buch „Wenn Steine reden könnten“, mittlerweile gibt es auch im Internet entsprechende Seiten, die allerdings nicht leicht zu finden sind. Auf der privaten Seite eines Hildesheimers fand ich diesen Artikel zum „Castra Scelerata“. Nicht nur in diesem Fall gibt es berechtigte Zweifel daran, das alle wesentlichen Geschehnisse um die Römerzeit in Germanien nur westlich der Weser stattfanden.

Kreuzweg Ottbergen

Kreuzweg Ottbergen

In Machtsum hat sich eine Bockwindmühle erhalten, die 1638 in Wirringen gebaut wurde und 1888 von einem Machtsumer gekauft wurde. Heute befindet sich die Mühle im Pachtbesitz des „Vereins zur Erhaltung der Windmühle Machtsum“ und kann am Mühlentag und Denkmaltag besichtigt werden.

Harsum ist mir trotz meiner Schulzeit in guter Erinnerung geblieben. Gleich an der ehemaligen Realschule steht eine wunderschöne Kapelle, von der ein Kreuzweg in den Wald führt. Ein Spaziergang durch diesen Wald führt zum weithin bekannten „Restaurant Waldfrieden“, geht man weiter bis zur L467 zwischen Harsum und Klein Förste, kommt man zum ebenso bekannten „Waldgasthaus Kuckuck“. Die neuromanische Basilika St. Cäcilia ist beeindruckend und wird nicht umsonst „Harsumer Dom“ genannt. Leider gibt es die beste Metal-Disco in weitem Umkreis schon seit längerem nicht mehr, trotzdem kennen viele noch das „Sergeant Peppers“ im Herzen Harsums. Im Ortsteil Asel steht die sehenswerte Paltrockmühle, die vom „Mühlenverein Asel“ liebevoll gehegt und gepflegt wird und die „1000jährige Grafeneiche“, die ca. 500-600 Jahre alt und von mächtiger Gestalt ist.

Algermissen wurde 985 erstmals erwähnt und machte nach wechselvoller Geschichte im 19./20. Jahrhundert durch die Eisenbahn Hildesheim-Lehrte und durch den Bau des Stichkanals Hildesheim – Sehnde einen großen Sprung in die Neuzeit. Es entstanden zahlreiche Betriebe, wie z.B. eine Zuckerfabrik, Ziegelei und eine Molkerei, die ihre Produkte bis nach Hamburg und Berlin verschickte. Auch die Gänsemast war ein Haupterwerbszweig, bis zu 130.000 Gänse aus Algermissen wurden zur Weihnachtszeit bis nach Russland geliefert. Im Ort gibt es einige Prozessionsdenkmale und Wegekreuze, vom neugestalteten Dorfteich Tränke am Ende der Strasse „Batjerie“ führt ein kurzer, schöner Lehrpfad am Alpebach entlang zu alten Bahngleisen und zur „Tonkuhle“. Im Bereich des Baches und Teiches wachsen etliche Stendelwurze.

In Groß Lobke ist die „Mosterei Wöhlecke“ ansässig, die in ihrem Hofladen Saft und Wein aus Früchten der Region und verschiedene andere Produkte anbietet. Man kann aber auch seine eigenen Früchte mosten lassen. Sehr empfehlenswert! Ebenfalls zu empfehlen ist das „Grammophon-Museum“ von Helmut Ruthemann mit ca. 250 Grammophonen. Bei einer persönlichen Führung mit Vorführung kann man die Sammlung erleben und hinterher im Museumscafe den Besuch ausklingen lassen.

-Hafen- Algermissen

-Hafen- Algermissen

Etwas abseits bietet der „Bördestrom“, der Stichkanal vom Hildesheimer Hafen zur Schleuse in Sehnde, eine schöne Möglichkeit für eine Radtour. Es gibt teilweise erstaunlich sehenswerte Abschnitte, z.B. durch kleine Waldstücke, unter den alten Stahlbrücken hindurch oder am Harsumer „Hafen“ entlang.

Das einzige im Gebiet vorhandene NSG ist die Wätzumer Tonkuhle, ein Feuchtbiotop mit Verlandungs- und Sukzessionsflächen. Landschaftsschutzgebiete gibt es etliche:

  • LSG Harsumer, Aseler und Borsumer Holz – Unscheinbar für den Laien, stellen diese drei Waldgebiete als Eichen-Hainbuchen-Mittelwälder auf Schwarzerdeboden in unserer Gegend schon eine Seltenheit dar. Das Borsumer und Harsumer Holz laden gerade (aber nicht nur) zu einem Frühblüher-Spaziergang ein.
  • LSG Bruchgraben – Der Bruchgraben wirkt aufgrund der nahezu vollständigen Begradigung eher wie ein Entwässerungskanal, ist aber ein Flüsschen, das bei Schellerten aus Dingelber und Dinklarer Klunkau entsteht. Nach 17km mündet er bei Sarstedt in die Innerste. Seit einigen Jahren wird versucht, den Graben zumindest teilweise wieder zu begrünen, um ihm einen Teil seiner Natürlichkeit zurück zu geben. Einige Stellen sind durchaus sehenswert, von der B6 bei Sarstedt bis zur Mündung in die Innerste kann man schön spazieren gehen.

Dieser Teil der Börden um Hildesheim ist vielleicht keine touristische Großattraktion, sehens- und erlebenswert aber schon. Viele Dinge habe ich vergessen, übersehen oder kenne sie nicht, der Beitrag soll aber auch nur zum Entdecken einladen.

L I T E R A T U R
  • VHS Hildesheim – Reiseführer Hildesheimer Land – ISBN 978-3806785067

F O T O G A L E R I E

G O O G L E M A P S


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